Ein weiter so wäre für den Wald das Ende. Gastbeitrag

von Mischa Tauss, Oberwesel-Engehöll
Ein Bericht nach der Informationsveranstaltung vom Forstamt Boppard in der Rheinfelshalle St. Goar am 29.8.2019. Eingeladen waren Vertreter der Kommunen. 

Der Wald, über kaum etwas wird dieser Tage mehr geredet. Man kann mit Fug und Recht behaupten, der Wald hat die Dieselaffäre abgelöst. Er brennt in Brasilien, wird gerodet in Südostasien und vertrocknet in Deutschland.

Die Politik wacht auf, fordert parteiübergreifend und reflexhaft Aufforstungen und wird sich doch wieder nur widerstrebend oder gar nicht zu nachhaltig sinnvollen gesetzgeberischen Maßnahmen bewegen lassen. Weder ist man bereit wirklich anzuerkennen, welche klima- und zivilisationsschützenden Funktionen der Wald schon immer besitzt, noch schafft man regulatorische Voraussetzungen für eine vernünftige Bewirtschaftung. Wobei… „Bewirtschaftung“ greift viel zu kurz. Wir dürfen den Wald nicht mehr länger darauf reduzieren, Produktionsstätte für Holz, Standort für Windkrafträder und Zuchtstation für Trophäen zu sein.

Der Wald – unser deutscher Wald ! – hat ein massives Problem und es braucht neue Ansätze.

Genau darum ging es in dem gut zweistündigen und keine Minute langweiligen Vortrag von Axel Henke. Immer sachlich und ausgewogen. Aber manchmal etwas zu zurückhaltend. Als Forstamtsleiter kann er nicht – darf er nicht – deutlicher werden. Sein Ansinnen war dennoch ganz klar: Wir stehen vor einer Zäsur. Entweder „weiter so“ und wir werden weiterhin – und in immer Stärkeren Maße – beobachten (also: machtlos zusehen), wie der Wald vertrocknet, anfälliger und kränker wird und kaum ein Revierleiter noch die Chance hat, einen zumindest ausgeglichen Haushalt hinzubekommen. Oder wir legen die Hebel um und machen den Wald wertvoller.

Wenn das nicht gelingt, wird der Wald für Kommunen als Waldbesitzer – die vorrangige Zielgruppe der Informationsveranstaltung – auf lange Sicht zum Problem. Insbesondere, wenn man zu den Top 15 der rheinlandpfälzischen Waldbesitzer gehört: Der Oberweseler Stadtwald hat eine Größe von 1120ha. Das ist ein beachtliches Kapital, das – so sollte man Annehmen – in den nächsten Jahren massiv an Wert und Wichtigkeit zugewinnen wird.

Wirklich? Im zweiten Teil der Veranstaltung moderierten Forstamtsleiter Henke und der St. Goarer Bürgermeister Falko Hönisch zunächst eine kurze Vorstellungsrunde der Revierleiter und des administrativen Überbaus des Forstamts Boppards, um dann – zusammen mit den Förstern – die zahlreichen Publikumsfragen zu beantworten. Und diese Antworten stimmten doch sehr nachdenklich. Mit 75% der Waldfläche in RLP in öffentlicher Hand, sind alle diese Flächen qua Gesetz dem Gemeinwohl verpflichtet. Das macht der Wald auch vorbildlich: Er sichert steile Hänge vor Hangrutsch, er schützt Dörfer und Gemeinden vor extremen Wettereinflüssen, schafft schützende Klimazonen, bietet Rückzugsort für Wild (sehr heißes Thema!), liefert Bauholz, … wer dazu mehr wissen möchte: https://www.wald-rlp.de oder https://fawf.wald-rlp.de/de/ueber-uns/
oder https://klimawandel.wald-rlp.de/ Und: Ja, schon wieder Klimakrise: Der Wald speichert in erheblichen Maße CO2. Und da muss angesetzt werden.

Wie berechnet man den Wert eines Waldes?

In unserer Wertewelt ist nur wert, was sich monetär ausdrücken lässt. Also muss der Wald einen Preis bekommen, der sich von Pachteinnahmen für Windkraftanlagen, Jagdpachterlösen und Holzbewirtschaftung emanzipiert. Er muss einen Wert als CO2-Speicher bekommen. Das ist nur logisch und das wurde sowohl im Vortrag als auch in der nachfolgenden Fragerunde klar.

Und er muss besser geschützt werden. Jedes Kind weiß heute, das ein Wald so viel mehr ist als Stämme „mit oben grün“. Man muss kein Jünger von Fernseh-Förster Wohlleben sein, oder mit Bäumen sprechen. (Fast) Jedem ist heute bewusst, dass ein komplexes Ökosystem ziemlich viel wegsteckt, aber irgendwann nicht mehr verzeiht und zugrunde geht. Wenn also kein Regen fällt, es immer wärmer wird, gleichzeitig der Nachwuchs weggefressen wird, kommt das Ökosystem in Stress (der Vortragstitel lautete im Übrigen: Der Wald in der Klimakrise). Job der Förster und ihrer Leute ist es, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, diesen Stress zu lindern. Würden sie auch, denn die haben – zumindest war das der Eindruck an diesem Abend – ALLE kapiert, dass es schon eher zehn nach als fünf vor Zwölf ist.

Es ist an den Kommunen, am Land und am Bund die regulatorischen Rahmenbedingungen zu verbessern. Der Wald lässt sich nicht in Budgets und kurzfristige Haushaltspläne zwängen; es müssen länger laufende Bewirtschaftungsperioden her (eine Generation Wald sind 100 Jahre!). Bäume zu pflanzen ist eine tolle Sache, ist Publicity wirksam, aktionistisch… nur müssen die Bäume halt auch in 10, 20, 50 Jahren noch da sein. Nicht nur um irgendwann Balken und Bretter daraus zu machen, sondern um die Böden zu schützen, Mikroklimas zu schaffen und der Folgegeneration Wald unter ihrem Dach ein Heim zu bieten. Was nützt es da, wenn Setzlinge in einen Boden eingebracht werden, der einem zwischen den Finger weg rieselt? Nix! Wird aber möglicherweise umfangreich gemacht werden. Denn aktuell hat der Wald die Öffentlichkeit, die die Politik sucht. Das kann im nächsten Haushaltsjahr schon wieder anders aussehen.

Hat der Wald auch noch Aufmerksamkeit, wenn es wieder regnet?

Schaffen es Forst und Kommunen die finanziellen Mittel langfristig zu sichern, stellt sich die – alles entscheidende – Frage: Womit forsten wir auf? Was ist zukunftssicher? Interessant war an diesem Abend auch die Erkenntnis, dass es „die“ Baumart nicht gibt. Ministerin Klöckner wünscht sich aktuell auch Mischwälder; das ist schon mal gut. Diese Erkenntnis hat sich offenbar durchgesetzt. Die Erhebungen zum Waldzustandsbericht 2019 (die Älteren erinnern sich vielleicht: Früher hieß das Ding „Waldschadensbericht“) wurden kürzlich abgeschlossen. Man darf davon ausgehen, dass der Bericht (kommt Ende des Jahres) auch eine deutliche Sprache sprechen wird. Letztlich müssen aber die Förster, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, dem Austausch mit Kollegen und ihren Erfahrungen entscheiden, was in ihrem Revier an welcher Stelle gepflanzt wird.

Der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg – weil sich ja alles wirtschaftlich tragen muss – ist aber sicher der Ansatz, Wald als CO2-Speicher zu bewerten. Man darf gespannt sein, ob sich diese Idee bis zu den Akteuren des „Klimakabinetts“ herumgesprochen hat. Und es dürfen nicht die gleichen Fehler wie in der Landwirtschaft gemacht werden. Eine reine Flächenprämie ist unzureichend. Für die Kommunen sicher einfach und toll. Waldfläche x Förderungsbetrag = Planungssicherheit. Passt aber nicht. Wie soll man alle Waldbesitzer davon überzeugen, nachhaltig und im Sinne des Waldes (und damit dem Gemeinwohl) zu handeln, wenn die schiere Fläche ausreichen würde, die Prämie zu kassieren. Geht nicht; also braucht es den Umweg über die ökologische Bewertung. Sicher sehr aufwändig, aber bestimmt auch erkenntnisreich – und hoffentlich nicht zu ernüchternd.

Aktuell sehen wir hier wieder die sehr unterschiedlichen Interessen in der Politik. Während Landwirtschaftsministerin Klöckner der Klientel nicht auf die Füße treten will, wird sich Umweltschutzministerin Schulze mit ihrem aktuellen Vorschlag einer Klimaprämie für vorbildliche Waldbesitzer kaum durchsetzen können. Oder – wenn doch – zur Unkenntlichkeit kastriert und bürokratisch ins monströse aufgeblasen.
Ganz akut müssen dem Wald die Fressfeinde vom Hals geschafft werden. Gegen Borkenkäfer und Co. Ist – so haben wir an diesem Abend gelernt – kaum ein Kraut gewachsen, will man nicht die chemische Keule einsetzen, die alles Insektenleben auslöscht. Allerdings folgenden die Populationen Wellen und man hofft, dass die Plage in etwa zwei Jahren abflauen wird, vor allem weil deren natürliche Feinde (z.B. Schlupfwespen) sich der Population anpassen und dann mehr und hungriger sind.

Schädlinge gezielt zu bekämpfen ist aufwändig, aber nötig

Bis dahin allerdings, gibt es zur Detektion nur die Möglichkeit der Inaugenscheinnahme durch Fachpersonal. D.h. im Klartext: Die Forstleute müssen die einzelnen Fichten finden, in denen Nester sind. Dann können sie aktiv werden und möglichst schnell fällen und aus dem Wald schaffen.

Und …aufarbeiten und verkaufen – was allerdings bei den enormen europaweit anfallenden Mengen an Kalamitätsholz aktuell nicht wirtschaftlich ist. Hier war ein Ansatz, dass Kommunen sich verstärkt mit dem Thema Holzbau beschäftigen könnten. Schauen wir zu unserem Nachbarn Österreich, dort ist man uns um viele Jahre voraus und baut mittlerweile schon Hochhäuser aus Holz und zwar vorzugsweise aus Fichte oder Tanne. Nebenbei bemerkt tut sich hier in Sachen Verwertung erneuerbarer Rohstoffe einiges, nur mal ein Beispiel: https://www.ingenieur.de/technik/forschung/organische-elektrolyte-sollen-die-energiewende-voranbringen/ … auch das würde helfen, die Preise für das in Massen anfallende Holz aus „Borkenkäfer-Fällungen“ zu stabilisieren und käme nebenbei einer kleinen Revolution gleich. Hausbatterien auf Basis erneuerbarer Rohstoffe, wartungsarm und umweltfreundlich. Und günstig. Mal schauen, was man sich dazu im „Klimakabinett“ hat einfallen lassen. Am 20. September ist der Tag der Wahrheit für die deutsche Klimapolitik.
Doch zurück zum aktuellen Baumkiller Nr.1: Dem Borkenkäfer.

…deutsche Klimapolitik

Wir haben gehört, dass Forstreviere in der Regel gut 1500ha groß und größer sind. 1500ha voller Bäume. Sicher, der Anteil von Fichte ist rückläufig, aber es gibt immer noch massive Bestände. D.h. ein einzelner Förster und seine überschaubare Truppe von Mitstreitern müssen eine Fläche von gut 2100 Fußballfeldern überwachen. Hoffentlich haben sie – anders als die Bundeswehr – wenigstens ordentliches Schuhwerk. Aber zu schaffen ist das bei heutigen Reviergrößen eigentlich nicht mehr.

Den Wald vor lauter Zäunen nicht sehen

Nach langfristigeren Bewirtschaftungsplänen, Flächenprämien für CO2-Speicherung , Wiederaufforstung mit geeigneten Baumsorten und dem Sieg gegen den Borkenkäfer nun zu dem ganz großen Aufreger: Der Trophäenjagd.

Es steht völlig außer Frage – auch wenn hier seitens des Forstamtes vorsichtig argumentiert wurde – dass es viel zu viel Wild gibt. Man muss weder Baumknutscher noch Bambifan sein. Es gibt deren zu viele. Die Bejagung reicht nicht aus, wie völlig entkrautete Flächen, Verbiss, Schälschäden an Stämmen, etc. eindeutig zeigen. Vernünftige Argumente und Möglichkeiten sind hier Mangelware. Es kann nicht jede Aufforstungsfläche langfristig eingezäunt werden. Das kostet Unsummen und in den Wald gehören keine Zäune. Das Wild muss auch im Spätsommer genug zu Fressen finden. Es soll nicht hungern, aber auch keine Bäume schälen.

Die Lösung ist nicht die Fütterung (die eigentlich ohnehin verboten ist), sondern die Dezimierung. Solange aber bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung die Pachterlöse (deren Anteil im Vergleich zu Erlösen aus der Flächenverpachtung für Windkraftanlagen ziemlich mager ist) weiter im Fokus der Forsthaushaltsplanung der Kommunen stehen, wird sich dieses Problem nicht lösen lassen. Bitte nicht falsch verstehen. Wir brauchen Jagd. Wir brauchen viel mehr Jagd. Was der Wald nicht mehr braucht, sind absurd komplizierte Abschusspläne, die möglichst noch die Schuhgröße des Jagenden vorschreiben.

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren

Es muss darum gehen Populationen zu reduzieren und nicht Wild zu züchten, das möglichst attraktive Geweihe zur Schau trägt. Und die teuer- privat – zu verkaufen. Kommunen und Land sind dem Gemeinwohl verpflichtet und nicht dem Freizeitvergnügen begüterter Individuen. Hier sind die Kommunen verantwortlich, die Praxis über die Auswahl und die Anforderungen an ihre Pächter anzupassen. Private Waldbesitzer dürfen ihr eigenes Wohl dem Gemeinwohl überordnen – das ist nicht schön, aber so vorgesehen. Aber auch da würden viele umdenken, wenn sie für ihre Waldflächen Prämien kassieren können, die umso üppiger ausfallen, je gesünder Bäume und Böden sind.

Ökologie und Ökonomie müssen mindestens gleichberechtigt stehen. Die Inwertsetzung des Waldes muss zukünftig unter dieser Prämisse erfolgen und gesamtgesellschaftlich finanziert werden.

Und zum Schluss:
Liebes Bopparder Forstamt.
Herzlichen Dank für diesen Abend. Für die Initiative, die Arbeit und die Zeit.
Eine tolle Idee, toll umgesetzt. Absolut nachahmungswürdig und sehr gerne wieder.

Mischa Tauss,
OWL-Engehöll
Kein Grüner

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