Im Zuge der aktuellen Bauarbeiten am Rheinufer sowie im Bereich der abgerissenen Fußgängerbrücken über die B 9 ist es in dieser Woche zu einem unerwarteten Fund gekommen. Bei Arbeiten an den Fundamenten einer der ehemaligen Brücken stießen Bauarbeiter auf mehrere Mauerreste und Keramikfragmente, die nach ersten Einschätzungen deutlich älter sind als die bekannten Strukturen im Stadtgebiet.
Hinzu kommt eine teilweise freigelegte Steinplatte mit einer schwer lesbaren Inschrift, die derzeit von Fachleuten untersucht wird. Erste Hinweise aus dem Umfeld der Untersuchungen sorgen jedoch bereits für Aufmerksamkeit: Demnach könnten die Funde nicht – wie zunächst angenommen – Oberwesel zuzuordnen sein, sondern ausgerechnet auf eine frühe Besiedlung durch Bewohner aus St. Goar hindeuten.
Ein beteiligter Archäologe spricht vorsichtig von „Hinweisen auf eine bislang unbeachtete Siedlungsbewegung vom gegenüberliegenden Rheinufer“. In Oberwesel reagiert man bislang zurückhaltend. Aus gut informierten Kreisen heißt es, man wolle die Ergebnisse zunächst sorgfältig prüfen, bevor weitere Schlüsse gezogen werden.
Auch im Stadtrat soll das Thema bereits intern angesprochen worden sein. Dem Vernehmen nach wurde angeregt, die Funde vorerst nicht prominent zu präsentieren, „um unnötige Irritationen in der Bevölkerung zu vermeiden“. In St. Goar hingegen zeigt man sich gelassen. Dort hieß es auf Nachfrage, man sehe „keinen Anlass zur Überraschung“ und verweise auf „historisch gewachsene Verbindungen in der Region“.
Weitere Untersuchungen sind geplant. Ob die Funde tatsächlich die Geschichte Oberwesels neu schreiben, bleibt jedoch abzuwarten. Würden sich die Vermutungen bestätigen, müsste nach geltendem Siedlungsrecht die Stadt Oberwesel in „St. Goar, Ortsteil Oberwesel“ umbenannt werden. Eine Voranfrage wurde vorsorglich an eine führende Heraldikerin im Westerwald gestellt. Die finale Bewertung steht noch aus.
Foto: Landesamt für Archäologie Boppard


